„Es ist leicht“, sagte er lachend. „Keiner mag gern in Italien bleiben, wenn es in Österreich & Deutschland mehr Chancen gibt.“

italien migranten

Auf einer Farm vor einem riesigen Migrantenlager, das unter den Kornfeldern nahe Venedig versteckt ist, erzählt mir ein junger Nigerianer von seinen Hoffnungen auf ein neues Leben. Mit rosa Nagellack und einer Paisley-Bandana auf dem Kopf, macht er einen Michael Jackson Tanzmove unter der sengenden Julisonne.

Osarume Ehiz, so sein Name, 16 Jahre alt, hat im Lager mit 1.000 anderen männlichen Migranten, viele von ihnen Nigerianer, für 11 Monate gelebt:
Ich bin Tänzer“, sagt er mit funkelnden Augen und seine Füße bewegen sich in seinen weißen Plastiksandalen. „Aber ich kann in Italien keine Karriere machen. Ich warte auf ein Sondervisum, damit ich überall in Europa hingehen kann. Ich hoffe, dass der Papierkram bald kommen wird. „

Das „Sondervisum“, auf das er sich bezieht, steht im Mittelpunkt einer Reihe von Ärgernissen der EU-Regierungen, welche nun die Grenzspannungen verstärkt. Der europäische Kontinent kämpft darum, die größte Migrationskrise seit dem Zweiten Weltkrieg zu bewältigen.

Anfang diesen Monats drohte Italien, das hat aufgrund seiner geographischen Lage die Hauptlast eines riesigen Migrantenstroms aus Afrika trägt, diesen Andrang durch die Bereitstellung von EU-Zeitarbeitsvisas auf bis zu 200.000 Migranten zu reduzieren. Der Umzug würde Tausende von Migranten, von denen viele die tückische und illegale Reise auf dem Seeweg auf fadenscheinigen Booten von Libyen aus unternommen haben  – auf den Rest Europas verteilen.

Der Ärger in Italien, dass andere EU-Nationen ihr Versprechen gebrochen haben bei der Migrantenkrise zu helfen, wächst. Bis zu 95.000 Menschen sind in diesem Jahr auf italienischen Küsten angekommen. Allein letztes Wochenende wurden mehrere tausende Migranten gerettet und in den Hafen von Seeschiffen und Charity Booten gebracht.

Italiens PM Paolo Gentilonis umstrittener Plan würde es den Visuminhabern nun zukünftig ermöglichen, frei nach Österreich zu reisen – und darüber hinaus.

Österreich hat dies verurteilt, indem es droht, seine wichtige Alpengrenze zu Italien am Brennerpass zu schließen und diesen mit Panzern und Truppen zu schützen. Außenminister Sebastian Kurz hat gesagt, dass „die Rettung im Mittelmeer, nicht mit einem Ticket nach Mitteleuropa verbunden werden kann“. Dass die Emotionen zwischen den beiden Ländern am Kochen sind, ist eine Untertreibung, die verfahrene Situation spiegelt die Verhärtung der öffentlichen Meinung in der gesamten EU über die Migration wider und die pathetische Antwort der Politikern darauf, was wohl die größte Frage unserer Zeit ist.

Im Rahmen der EU-Migrantenquotenregelung sollen alle Mitgliedsstaaten einen obligatorischen Anteil an Migranten akzeptieren, deren Ankunftsort Italien ist. Aber die wachsende Erkenntnis ist, wie die UNO nun bestätigt, dass die meisten der gegenwärtigen zuströmenden Migranten nicht mehr syrische Flüchtlinge sind, die aus dem Bürgerkrieg oder dem islamischen Staatsschrecken fliehen, sondern auch ökonomische Glücksritter aus Ländern wie Bangladesch, Guinea und Nigeria.

Sogar der Vizepräsident der Europäischen Kommission, Frans Timmermans, gab vor kurzem zu, dass die meisten Migranten nicht aus bedrohten Ländern kommen, sondern einfach nach einem besseren Leben suchen.

Polen und Ungarn widerstreben sich Migranten aufzunehmen unter Berufung der kulturellen Schwierigkeiten und angesichts der Tatsache, dass viele Muslime sind und beide Länder starke christliche Traditionen haben, während die Tschechische Republik sich ebenso Zeit lässt. In dieser hitzigen Atmosphäre ist die italienische Grenze zu Österreich nun zu einem potentiellen Brennpunkt geworden.

Und wie ich diese Woche erlebt habe, scheinen nur wenige Migranten spezielle Visa zu besitzen, da sie scheinbar mühelos von einem verzweifelten Land zu einem anderen befreit werden, welches verzweifelt und nicht mehr einladend ist.

Italien ist der wichtigste Empfänger von Migranten und Flüchtlingen auf der Mittelmeerstraße von Libyen. Es braucht jetzt weit mehr als Griechenland, in dem die ankommenden Zahlen dank eines im vergangenen Jahr mit der Türkei ausgehandelten Deal gesunken sind – zu einem Preis von mehreren Milliarden Euro an die EU. Die Türkei war einverstanden, die Migranten, die aus dem Mittleren Osten und anderswo, über die Türkei und dann über die Ägäis nach Griechenland gereist waren, zurückzunehmen, die aber nicht in der EU Asyl hatten.

In zunehmendem Maße sind Migrantenlager, die in ganz Italien gegründet wurden, nahezu überfüllt.

Der junge Nigerianer den ich diese Woche traf, Osarume Ehiz, der 75 € monatlich von der italienischen Regierung bekommt, wenn er im Lager bleibt, sagt, dass die Bedingungen schrecklich sind: „Ich wohne in einem Zimmer mit zehn anderen in Etagenbetten“, beschwert er sich. „Es gibt Moskitos, das Essen ist ungenießbar und wir bekommen keine Ausbildung. Italien ist ein schlechtes Land. Die Kleider, die sie uns geben, sind unbrauchbar, also kaufe ich meine von den Marktständen. “

Jeden Tag, wie andere Migranten in seinem Lager, einer ehemalige Militärbasis in Bagnoli di Sopri, benutzt er ein gespendetes Fahrrad, um in der Landschaft herumzufahren; einfach um etwas zu tun.

„Die Italiener in den Dörfern sagen nicht „hallo“ zu uns. Sie sind nicht unhöflich, aber sie vermeiden den Blickkontakt. Ich denke, es ist deswegen, weil wir schwarz sind „, fügt er dazu.

Vier Meilen entfernt in einem anderen Lager mit 2.000 Migranten im Dorf Conetta, ist es oft die gleiche Geschichte. Dort fühlen sich die 190 Einheimischen überrannt. Manche sind es satt und haben auf einer Bühne Protestmeldungen auf dem Dorfplatz gelegt. Man verkündet schlicht: „Führt die Migranten zurück.“

Der örtliche Bürgermeister Albero Panfilio sagt, es sei falsch, die Menschen mit der Hoffnung auf eine Zukunft zu zerstören. Ich nenne das Lager ein Menschenlager. Die Migranten kommen an, die Behörden wissen nicht, wo sie hingehen sollen, also entsorgen sie sie hier. Sie werden wie Müll behandelt.

Anscheinend verliert die italienische Öffentlichkeit Geduld. In einem schrecklichen Szenario im Januar, ertrank ein Migrant  im Canal Grande in Venedig, während Passanten den Vorfall zwar beobachteten, aber kaum halfen. Es gab sogar hässliche Schreie von „Go home“ und „Lass ihn sterben“. Patel Sabelly, ein 20-jähriger Gambier, war von einer Brücke in den Tod gesprungen, nachdem er Italien mit dem Boot aus Libyen erreicht hatte und ihm Asyl verweigert wurde.

Obwohl der Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro, in einer Geste der Achtung, die Beerdigung des Mannes aus seiner eigenen Tasche bezahlte, war seine Aussage zu der Zeit im Einklang mit der öffentlichen Haltung und Beamten ‚Frustration: „Wir können die Hoffnungen der Hälfte der Welt nicht nach Italien bringen,“ sagte er. „Es ist unmöglich für unser Land, solch ein weitreichendes Phänomen weiter zuführen, wie es bisher geschehen ist.“

Mittlerweile ist auch Österreich von den Auswirkungen des Migrationszuflusses 2015 beeinträchtigt, seit Angela Merkel umstrittermaßen die Grenzen Deutschlands für hunderttausende Migranten öffnete.

Von der Million, die nach Deutschland strömten, beschlossen 90.000 während der Durchfahrt in Österreich zu bleiben. In dieser stark nationalistischen Nation sagten Politiker und die Leute bald: „Genug ist genug“. Die Burka wurde in Österreich verboten, ebenso die für die Migranten eingeführten Pflichtunterrichtsstunden. Nach Angriffen auf Frauen an öffentlichen Plätzen sind arabische Schilder an einer Marktgemeinde in der Nähe von Wien angebracht worden, die die männlichen Migranten darauf hinweisen ,weibliche Badegäste nicht anzufassen oder ihnen in die Schwimmbad Umkleidekabinen zu folgen.

In dieser Woche beobachtete ich Migranten auf dem Weg  von den Lagern in Bagnoli di Sopri und Conetta nähe Venedig bis hin zur Brennerbrasse mit der Grenze zu Österreich. Ich folgte ihnen nach Innsbruck, einer großen Stadt und einem beliebten Skigebiet, das die Olympischen Winterspiele 1976 veranstaltete. Es ist offensichtlich, dass dies eine beliebte Route für Migranten ist, von denen sich viele weigern, länger als 24 Stunden in den italienischen Lagern zu bleiben und nach einer Mahlzeit und einer Dusche zu gehen. Sie sind bestrebt, Fingerabdrücke vermeiden und flüchten vor dem italienischen Asylsystem, umso ihre Chancen in Nordeuropa zu erhöhen.

Ihre Reise beginnt oft in der hübschen italienischen Stadt Bozen, etwa 50 Meilen südlich von Brenner, in der Züge nach Innsbruck fahren. Außerhalb des Bahnhofs traf ich Musa, 23, aus Guinea, der vor sieben Monaten mit dem Boot aus Libyen ankam. „Ich bin traurig und müde“, sagt er mir. „Europa ist nicht das, was ich gehofft habe. Ich schlafe auf den Straßen und jetzt gehe ich nach Österreich.“ Kein italienischer Beamter intervenierte, als er ein Ticket für Innsbruck kaufte und einen Zug an Bord brachte. Als Züge am Brenner ankommen, scheint es keine Kontrollen zu geben. In der Tat, am Mittwoch und Donnerstag in dieser Woche, war die einzige sichtbare Sicherheit an der Grenze ein italienischer Lastwagen. Die drei Insassen stiegen gelegentlich aus, um ihre Beine zu strecken und auf einer Plattform wurde den Migranten, die nach Österreich gehen wollten, die Richtung gezeigt.

Andere Migranten saßen auf Bänken außerhalb des Bahnhofs, warteten auf Züge, aßen Hot Dogs und sendeten SMS. Ein 23-Jähriger aus der Elfenbeinküste, sagte mir, er werde in Innsbruck bei Einbruch der Dunkelheit sein. „Es ist leicht“, sagte er lachend. „Keiner mag gern Italien, wenn es in Österreich, Schweden, Deutschland und Großbritannien noch weitere Gelegenheiten gibt.“ Im Inneren der Brenner-Station ging ein weiteres Trio italienischer Soldaten auf dem Bahnsteig, als ein Innsbruck-gebundener Zug einfuhr. Die Migranten liefen vor Ihren Augen vorbei und verließen daraufhin bald Italien.

Am Hauptbahnhof von Innsbruck sah ich Migranten, die aus Italien angekommen sind und von einem Somalianer namens Hussein, der seit fünf Jahren in Österreich gelebt hat, begrüßt wurden.

„Sie kommen die ganze Zeit, jeden Tag und zu allen Tageszeiten“, sagte er mir. „Ich nehme sie zur Moschee über die Straße. Sie brauchen oft Kleider, Essen und Hilfe. 

Die Italiener drücken ein Auge zu. Sie sehen die Migranten auf der Plattform zurück am Brennerpass und sagen zu ihnen „jetzt gehen“, wenn der Zug nach Österreich kommt. „Es sind nicht nur die Züge, sondern auch Autos und Lastwagen. Wenn ein Migrant Geld hat, um einen Schleuser zu zahlen, dann ist es einfach, da es auch keine regelmäßige Straßenkontrollen in Österreich gibt.“

Wenn die Drohung der italienischen Regierung durch Sondervisas ernsthaft umgesetzt wird, dann kann dieser ständige Strom von Migranten an die österreichische Grenze zu einer Sintflut werden.

In dieser Woche hat der Europäische Gerichtshof ein wichtiges EU-Recht gebilligt, dass Migranten in dem ersten EU-Land, dass sie erreichen Asyl beantragen und argumentiert damit, dass es nicht auf die riesigen Zahl von Migranten, die in Italien ankommen, ausgerichtet sei,

Könnte das also nun der Wendepunkt für die italienische Regierung sein? Nur die Zeit wird es zeigen- aber Mattia Toaldo, Senior Analystin im Europäischen Rat für auswärtige Beziehungen, befürchtet das Schlimmste. Er warnte vor kurzem, dass Italiens Drohung, die Weiterreise von Migranten mit vorübergehenden EU-Visa zu unterstützen, eine Lösung mit Sprengstoffcharakter sei:

„Die Italiener haben jegliche Hoffnung verloren, Hilfe von der EU zu bekommen“, sagte er und richtete seine Worte an Brüssel: „Wenn Sie die Migration nicht zu einer gemeinsamen Herausforderung machen werden [für alle Mitgliedsstaaten], dann werden wir dies tun.“

Wenn wir uns das enttäuschte und überlastete Italien betrachten, dass damit kämpft mit den Belastungen fertigzuwerden, fällt es schwer, keine Sympathie empfinden. Sollte dies der Brandsatz sein mit dem es die Nation aufzunehmen hat – dann auch mit großen Konsequenzen für seine EU-Nachbarn und darüber hinaus.

 

Artikel aus dem Englischen, von http://www.dailymail.co.uk/news/article-4741358/Is-Italy-trigger-migrant-nuclear-option.html